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Die erste FAQ von Bernad Batinic

Filed under: Geschichte – Lorenz Gräf am 26. March 2005 um 1:04

Als Beitrag zur Geschichtsschreibung habe ich Bernads allererste FAQ zum Thema Umfragen ausgegraben. Geschrieben hat er das am 25.02.1995, also vor mehr als 10 Jahren, das wäre echt ein Gläschen Sekt wert gewesen, oder Bernad? ;-)
Wie immer, die Lektüre lohnt sich, auch nach 10 Jahren.

Newsgroups: de.alt.umfragen
From: Bernad.Batinic@psychol.uni-giessen.de (Bernad Batinic)
Subject: Erhebungen im Internet - FAQ
Sender: news@muster.hrz.uni-giessen.de
Message-ID:
Date: Sat, 25 Feb 1995 16:51:27 GMT
Organization: Fachbereich Psychologie
X-Newsreader: WinVN 0.92.5
Lines: 345

Hallo,

der vorliegende Bericht soll allen Personen die im Internet Fragebogen-
untersuchungen durchfuehren moechten, die ersten Schritte vereinfachen.

Anmerkungen sowie Verbesserungsvorschlaege sind herzlichst willkommen !

Meine Anschrift ist:

Bernad Batinic
Justus-Liebig-Universitaet
Fachbereich 06 ABO-Psychologie
Otto-Behaghelstr. 10F
35394 Giessen
Tel. 0641-78215
E-Mail: Bernad.Batinic@psychol.uni-giessen.de

————

“Die Durchfuehrung von Fragebogenuntersuchungen im INTERNET -
ein erster Ueberblick”

Version 1.0 (25.2.1995)

Bernad Batinic

Justus-Liebig-Universitaet Giessen

Vorwort

Die vorliegende Arbeit beschreibt, wie im Internet (Datenfernuebertragungs-
netz), Fragebogen-Erhebungen durchgefuehrt werden koennen. Nach einer
kurzen, generellen Einfuehrung der einzelnen Dienste, die das Internet
seinen Benutzern anbietet, wird im besonderen auf die NetNews eingegangen.
Danach soll anhand einer bereits durchgefuehrten Fragebogenerhebung im
Internet, die Vorgehensweise diskutiert werden. Es werden weiter die
Einschraenkungen berichtet, denen Untersuchungen im Internet unterliegen.
Darueber hinaus sollen Ausblicke auf weitere Verfahrensmoeglichkeiten zu
Datenerhebung im Interent gegeben werden. Abschliessend werden Quellen
genannt, anhand derer sich der interessierte Leser ueber die gegebene
Thematik tiefergehend informieren kann.

1. Einleitung

Das INTERNET ist ein Zusammenschluss verschiedener lokaler Datennetze,
an denen, nach vorsichtigen Schaetzungen, z.Zeit (1995) ca. 30 Millionen
Endanwender angeschlossen sind. Nach den Erfahrungen der letzen Jahre
verdoppelt sich diese Zahl alle 12 Monate (siehe hierzu WWW:
http://www.nw.com/zone/WWW/ top.html).

Anzahl angeschlossener Rechner nach geographischen Regionen

1.7.94 1.10.94 3.Q94 Wachstum

Nord Amerika 2,172,232 2,678,288 23%
Sued Amerika &
Karibik 16,619 22,535 36%
West Europa 730,429 850,993 17%
Ost Europa &
GUS 27,800 32,951 19%
Naher Osten 8,871 10,383 17%
Afrika 15,595 21,041 35%
Asien 111,278 127,569 15%
Sued Pazifik &
Australien 142,353 154,473 9%
——— ———
Summe 3,225,177 3,898,233 21%

Abbildung 1
Dargestellt ist die Anzahl und das Wachstum der angeschlossenen Computer
(Host) am Internet, wobei an einem Rechner wiederum mehrere Endanwender
angeschlossen sein koennen. (released by Mark Lottor of Network Wizards;
CA, USA)

Das Internet bietet den angeschlossenen Teilnehmern eine Vielzahl von
(bis auf wenige Ausnahmen kostenfreien) Diensten zur Nutzung an. Die wohl
wichtigsten und am verbreitetesten Dienste sind hierbei das Electronic-
Mail (E-Mail), World Wide Web (WWW), Gopher, FTP, sowie die NetNews. Wie
im folgenden gezeigt, bieten alle diese Dienste die Moeglichkeit wissen-
schaftliche Fragebogen-Untersuchungen durchzufuehren, wobei am geeignetsten
hierfuer die NetNews sind. Hervorzuheben ist, dass, aufgrund der weltweiten
Verbreitung der NetNews, die Durchfuehrung kreuzkultureller Untersuchungen
in einem bisher nicht dagewesenen Masse moeglich ist. Hierauf soll im
folgenden naeher eingegangen werden; auf die weiteren Dienste des Internets
wird am Ende der vorliegenden Arbeit gesondert eingegangen.

1.1 Datenerhebung in den NetNews

Fuer die Durchfuehrung von Datenerhebungen bietet es sich nun an, in
spezifischen NetNews-Gruppen den entsprechenden Fragebogen zu veroeffent-
lichen und darauf zu “hoffen”, dass eine Vielzahl von Lesern sich bereit
erklaert an der Untersuchung teilzunehmen. Jedoch sollte man vor der
Veroeffentlichung folgende Punkte genau beachten:

1. In den NetNews ist die Veroeffentlichung kommerzieller Artikel (bis
auf wenige Ausnahmen) streng verboten. Diese werden von den Anwendern
zum Teil durch bewusste Falschangaben sabotiert. Da in der Vergangenheit
bereits Faelle aufgetreten sind, bei denen Firmen Umfragen ueber ihre
Produkte durchgefuehrt haben (”Was halten Sie von [unserem] dem
Bier XY..”), empfiehlt es sich, sich von diesen deutlich abzugrenzen,
indem man im Vorwort genau darstellt, dass es sich bei der vorliegenden
Erhebung um eine anonyme, wissenschaftliche Untersuchung handelt. Weitere
Angaben wie die genaue Dienstanschrift des Untersuchers sind dabei un-
abdingbar.

2. Artikel in den NetNews duerfen nur in den Gruppen veroeffentlicht
werden, die in einem inhaltlichen Zusammenhang mit den im Fragebogen
angesprochenen Themen stehen.

3. Aufgrund der verschiedenen Computerprogramme, die zum Lesen der
NetNews eingesetzt werden, muss der Fragebogen im ASCII-Format
geschrieben sein.

4. Eine Zeile sollte nicht mehr als 65 Zeichen enthalten (ansonsten kann
es bei einigen Systemen zu einem ungewollten Zeilenumbruch kommen, der
den Fragebogen unleserlich macht).

5. Anhand der Ueberschrift eines Artikels entscheidet der Leser, ob er
den entsprechenden Artikel lesen moechte oder nicht. Es ist daher ein
ungeschriebenes Gesetz einen moeglichst klaren und aussagekraeftigen
Titel zu waehlen, bei dem im vorliegenden Fall eindeutig herausgehen
sollte, dass es sich um einen Fragebogen bzw. um eine Umfrage handelt.

6. Frageboegen sollten nicht mehr als 40 Items enthalten, ansonsten sinkt,
nach unseren Erfahrungen, die Bereitschaft der Leser, an der Untersuchung
teilzunehmen, rapide ab.

7. Moechte man eine kreuzkulturelle Untersuchung zwischen zwei Laendern
durchfuehren (z.B. Deutschland - Japan), sollte man den Fragebogen nur in
regionalen NetNews-Guppen veroeffentlichen. Publiziert man ihn dagegen
international (z.B. soc.cultur.japan), nimmt nach unseren Erfahrungen die
Teilnehmerzahl deutlich ab, und man erhaelt eine Reihe von Versuchs-
personen die keinem spez. Land eindeutig zuzuordnen sind (z.B. in Japan
geboren, lebt jedoch seit 20 Jahren in den USA).

8. Viele NewsReader geben, neben der Ueberschrift, dem Leser, bevor er
sich entscheidet den entsprechenden Artikel zu lesen, die Zeilenlaenge
des Artikels bekannt. Dabei gilt, dass je laenger der Text ist, um so
weniger Anwender den Text aufrufen. Es empfiehlt sich daher, die Frage-
boegen vom Layout her moeglichst platzsparend abzufassen (Tabellarisch;
s.a. Punkt 4 und 6).

9. Jeder Anwender, der an einer Fragebogenuntersuchung teilnimmt, sollte
einen (verstaendlichen) Ergebnisbericht am Ende der Untersuchung zu-
gestellt bekommen (Bei der von uns durchgefuehrten Untersuchung wollten
von 66 Teilnehmern, 65 Teilnehmer einen Ergebnisbericht).

Neben fachspezifischen NetNews-Guppen bieten sich vor allem folgende
Gruppen zur Veroeffentlichung von Frageboegen an:

* de.alt.umfragen

Deutschsprachige Gruppe, die im Dezember 1994 gegruendet
wurde und ausschliesslich fuer Umfragen und deren Diskussionen
im Internet dient.

* alt.usernet.surveys

Internationale Gruppe, ansonsten entsprechend de.alt.umfragen

1.1.1 Ruecklaufquote und Ruecklaufzeit

Bei der Groesse der NetNews und der hohen Teilnehmerzahl draengt sich die
Frage nach der durchschnittlichen Ruecklaufquote, sowie Ruecklaufzeit auf.
Nach unseren Erfahrungen kann man bei einem Fragebogen (35 Items), der
zweimal, im Abstand von 3 Wochen, regional (in unserem Fall in Deutschland)
in zwei thematischen Gruppen, sowie in der Umfrage-Gruppe (s.o.) ver-
oeffentlicht wird, von ca. 60 bis 70 beantworteten Frageboegen ausgehen.
Etwa 90 % der Ruecklaeufe gehen in den ersten 7 Tagen nach Aussendung ein.
Wenn man, vorsichtig geschaetzt, davon ausgeht, dass nur jeder 50.
Anwender, der den Artikel (Fragebogen) liest, diesen auch tatsaechlich
ausfuellt, bedeutet dies bei 70 beantworteten Frageboegen, dass insgesamt
ca. 3.500 Personen den Fragebogen gelesen bzw. angelesen haben.

1.2 Zusammensetztung der Stichprobe

Bei der von uns durchgefuehrten Untersuchung zur “Einstellung zu Fehlern
bei der Arbeit” nahmen 66 Personen (weiblich = 5) teil. Das Alter streute
von 20 bis 46 Jahren und lag im Mittel bei 28,42 Jahren. Weiter gaben
31 Probanden an, in einem oeffentlichen Unternehmen zu arbeiten
(N = 32 in einem privaten Unternehmen). Insgesamt gaben 21 Probanden an,
einen oder mehr, fuer sie taetige Mitarbeiter, zu beschaeftigen.
Betrachtet man, neben diesen Ergebnissen, die generelle Verfahrensweise
der Hochschul-Rechenzentren der Universitaeten bei der Vergabe einer
Internetzugangsberechtigung, kann geschlossen werden, dass ein Grossteil
der NetNews-Nutzer sich aus Personen zusammensetzt, die sich im letzten
Studiendrittel bzw. in der Promotionsphase befinden. Weiter faellt die
deutlich geringe Zahl an weiblichen Teilnehmern auf, die jedoch, unserer
Meinung nach, mit zunehmender Verbreitung der NetNews, ansteigen wird.

Diese Ergebnisse decken sich weitestgehend mit den Ergebnissen der 1992
durchgefuehrten Untersuchung der Forschungsgruppe “Medienkultur und
Lebensformen” (Projekt: Kultur und elektronische Kommunikation, Hermann
Dahm, Universitaet Trier, Anlage A: Altersverteilung, Berufliche Taetig-
keiten sowie Studienfaecher der Internet Teilnehmer).

1.3 Weitere Moeglichkeiten der Datenerhebung im Internet

Wie bereits in der Einleitung der vorliegenden Arbeit angesprochen,
bieten eine Reihe von weiteren Dienstleistungen des Internets die
Moeglichkeit, Datenerhebungen durchzufuehren, wobei die folgenden Ueber-
legungen nur theoretischer Natur sind und sich auf keine praktischen
Erfahrungen stuetzen koennen.

1. E-Mail

Das Electronic-Mail (E-Mail) ermoeglicht dem Anwender, Dokumente an einen
anderen, angeschlossenen Anwender zuzustellen. Neben reinen Texten koennen
so auch Computerprogramme bzw. Grafiken und Bilder versendet werden.

Fragebogenuntersuchungen via E-Mail versprechen wohl die hoechsten Rueck-
laufquoten. Dabei sendet man an willkuerlich ausgewaehlten E-Mail-Adressen
(aus Adressverzeichnissen, X500) den entsprechenden Fragebogen. Anhand
von modernen E-Mail-Programmen (z.B. Pegasus) ist die technische Durch-
fuehrung hier besonders einfach. Jedoch sollte dieses Verfahren nur in
Ausnahmesituationen angewendet werden (z.B. bei einer kreuzkulturellen
Untersuchung, bei der ein Land ueber keine lokalen NetNews-Guppen ver-
fuegt, und es nicht moeglich ist, auf ein alternatives Land auszuweichen),
da generell “Postwurfsendungen” im Internet aeusserst unueblich sind.
Viele der so angesprochenen Anwender koennten den Untersuchungsfragebogen
als belaestigend empfinden und unausgefuellt zuruecksenden.

2. FTP, Gopher und WWW

Obwohl es sich bei FTP, Gopher und WWW um drei voellig verschiedene
Dienstleistungen des Internets handelt, haben alle folgendes gemeinsam:
Sie bieten u.a. die Moeglichkeit Dokumente auf einen spezifischen Rechner
zu hinterlegen.Ferner weisen sie diesem Dokument eine eindeutige Adresse
zu. Die entsprechenden Dokumente koennen nun von einem Anwender gelesen,
abgespeichert und weiterversendet (via E-Mail) werden.

Es bietet sich nun an, einen Fragebogen z.B. auf einem WWW-Server abzu-
legen und in den entsprechenden NetNews-Gruppen nur die Anschrift zu-
zueglich einer kurzen Beschreibung des Fragebogens zu veroeffentlichen.
Dies hat den entscheidenden Vorteil, dass man aufgrund der Kuerze der
Nachricht, diese oefters und in mehreren NetNews-Gruppen veroeffentlichen
kann. Behaelt man die Anschrift bei und wechselt jeweils von Zeit zu Zeit
nur den Fragebogen, kann man davon ausgehen, dass, nach einer gewissen
Anlaufzeit, Anwender, die gerne an Fragebogenuntersuchungen teilnehmen,
bereits ohne Ankuendigung die entsprechende WWW-Seite anwaehlen, um zu
sehen, ob ein neuer Fragebogen da ist.

1.4 Wie neu sind diese Ideen ?

Nach unserem Wissen existiert z.Z. keine wissenschaftliche Publikation,
die sich mit der Moeglichkeit der Datenerhebung im Internet befasst.
Jedoch taucht hin und wieder in den NetNews eine Befragung auf, in der
hautsaechlich die demographische Zusammensetzung der Internetteilnehmer
untersucht wird, oder es werden technische Fragestellung thematisiert
(”Welches Modem benutzen Sie…”). Die beiden Umfragegruppen (s.o.)
werden hautsaechlich fuer private, nichtwissenschaftliche Umfragen
genutzt (z.B. “Soll British-English, Nationalsprache in den USA werden ?”),
wobei einige Ausnahmen bestehen.

2. Diskussion

Insgesamt gesehen, eroeffnet das Internet eine Vielzahl von Moeglich-
keiten zur wissenschaftlichen Datenerhebung anhand von Fragebogen-
untersuchungen. Hervorzuheben ist vor allem A) die Moeglichkeit
kreuzkultureller Untersuchungen und B) die kurze Ruecklaufzeit (1 bis
2 Wochen fuer 60 bis 70 Probanden). Dem ist engegenzuhalten, dass wir
es mit einer hoch gebildeten und vorwiegend maennlichen Population zu
tun haben. Generell sei der interessierte Leser dazu aufgefordert, sich
vor der Veroeffentlichung eines Fragebogens im Internet mit den ent-
sprechenden Computerprogrammen vertraut zu machen.

Weiterfuehrende Literatur (generelle Einfuehrung zum Internet)

Krol, E. (1994). The whole Internet - User’s Guide & Catalog.
Second Edition, O’Reilly & Associates, Inc.: Sebastopol.

Anhang

Anlage A

Forschungsgruppe “Medienkultur und Lebensformen” (Projekt: Kultur und
elektronische Kommunikation, Hermann Dahm, Universitaet Trier, 1992)

Internet
—————- ———– —
Altersklassen:

bis 20 Jahre 7.3%
21-24 Jahre 30.5%
25-28 Jahre 37.2%
29-32 Jahre 16.5%
ueber 32 Jahre 8.5%

TOTAL 100.0%

Internet
—————— — ——— -
Berufliche Taetigkeit:

Arbeiter .6%
Angestellte 28.7%
Beamte 1.8%
Selbstaendige 5.5%
Studenten 59.8%
Schueler 1.8%
Sonstige Taetigkeit 1.8%

TOTAL 100.0%

Studienfaecher im Netzvergleich (nur Studenten):

Internet
—————– — ——— -
Fachbereiche:

Informatik,
Informationstechnik 69.8%

Technik und
Ingenieurwesen 10.4%

Naturwissenschaften,
Medizin 8.3%

Recht, Wirtschaft,
Sozialwissenschaften 5.2%

Geistes- und
Sprachwissenschaften 6.3%

TOTAL 100.0%

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